Das Wichtigste in Kürze
- Ein Pflegegrad bei ADHS ist kein Automatismus: Familien müssen nachweisen, wie stark der Alltag tatsächlich belastet ist.
- Hohe Belastung für Eltern: Ein Pflegegrad bei ADHS wird meist erst bewilligt, wenn Kinder dauerhaft intensive Betreuung und Aufsicht brauchen.
- Entlastung durch Leistungen: Pflegegeld und Unterstützung können den Alltag spürbar erleichtern – auch wenn viele Familien zunächst zögern, Hilfe anzunehmen.
Tobias war ein Schreibaby. Fast den ganzen Tag brüllte er – und wenn er mal schlief, dann höchstens für eineinhalb Stunden auf dem Bauch seiner Mutter Tina. Verzweifelt ging sie zum Arzt: „Ich war fix und fertig.“
Doch eine klare Ursache fanden die Fachleute für das Schreien nicht. Erst nach eineinhalb Jahren verbesserte sich die Situation langsam. Dafür gab es neue Probleme. Tobias’ Sprachentwicklung war verzögert, im Kindergarten fiel er durch sein impulsives Verhalten auf. Oft musste die alleinerziehende Mutter ihr Kind frühzeitig abholen, weil es um sich schlug oder Sachen zerstörte.
Tina recherchierte, ging zu Fachstellen, ihre Erziehung wurde infrage gestellt. Nichts half. Als ihr Sohn etwa fünf Jahre alt war, stellte ein Arzt zum ersten Mal die Verdachtsdiagnose ADHS.
Alltag ist massiv beeinträchtigt
Die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (siehe unten) wurde in den vergangenen Jahren breit diskutiert und teilweise als Modediagnose kritisiert. Nicht ganz zu Unrecht, findet Tina: „Denn die Störung ist unterschiedlich ausgeprägt und die Symptome sind vielfältig.“
Dazu gehören Hyperaktivität, Impulsivität, Unkonzentriertheit, Unselbstständigkeit oder Vergesslichkeit: „Doch nicht jeder, der mal nicht bei der Sache ist, hat ADHS“, sagt Tina. Bei schwerer ADHS habe man diese Symptome sozusagen durchgehend, was den Alltag massiv beeinträchtige.
So erging es Tina und Tobias, die in Wirklichkeit anders heißen. Manchmal wütete ihr Sohn stundenlang und hatte richtige Zusammenbrüche: „Zu viele Reize überfordern ihn.“ Lange konnte sie mit ihm deshalb kaum rausgehen oder an sozialen Aktivitäten teilnehmen: „Dadurch wird man einsam.“
Ohne Schulbegleiterin
Als ihr Sohn in der ersten Klasse war, hieß es bereits nach einem Tag, er sei nicht beschulbar. Und wieder musste Tina ihn abholen: „Ich fuhr jahrelang mehrmals täglich mit ihm hin und her, weil er es in der Schule nur für zwei Stunden aushielt.“ Jeden Nachmittag begleitete sie ihn zu Therapien oder zum Sport.
Immerhin bekam ihr Sohn nach langer Abklärung in der ersten Klasse eine gesicherte ADHS-Diagnose. Mit einem unguten Gefühl gab sie ihm Medikamente. „Ich wusste mir einfach nicht mehr zu helfen.“ Immerhin schlug er nun nicht mehr alles kaputt oder ging auf andere los.
Trotzdem blieben viele Schwierigkeiten. Mittlerweile ist ihr Sohn elf und längst nicht so selbstständig wie andere Kinder in seinem Alter. Ob beim morgendlichen Anziehen, Essen oder Packen seiner Schulsachen – dies alles ist für Tobias ein Kampf und benötigt intensive Begleitung und viel Zeit.
Auch alleine zur Schule gehen, konnte er bis vor Kurzem nicht: „Er würde überfahren werden, weil er vergisst, auf den Verkehr zu achten.“ Glücklicherweise hat er seit der Grundschule eine Schulbegleiterin. Sonst würde er im Unterricht nicht klarkommen.
Warum manche Kinder mit ADHS einen Pflegegrad haben
Was ihr auch noch hilft: Ihr Kind hat seit einigen Jahren Pflegegrad 3, da seine Selbstständigkeit massiv beeinträchtigt ist und es in vielen Bereichen Hilfe benötigt. Somit hat er u. a. Anspruch auf Pflegegeld in Höhe von 599 Euro pro Monat und 3.539 Euro für Kurzzeit- und Verhinderungspflege pro Jahr.
Mit dem Pflegegeld deckt Tina die ADHS-bedingten Mehrkosten. Verhinderungspflege nimmt sie jedoch nicht in Anspruch: „Es würde für uns zusätzlichen Stress bedeuten, wenn eine fremde Person die Betreuung übernimmt.“ Dafür habe sie Unterstützung von ihrer Familie.
Eltern sind am Limit und brauchen Entlastung
Für andere betroffene Eltern ist jedoch die Verhinderungspflege überlebenswichtig, weiß Karoline Bussenius: „Viele Familien mit ADHS-Kindern sind am Limit. Sie brauchen dringend eine Pause, um bei Kräften zu bleiben oder Besorgungen zu machen.“
Karoline ist Pflegeberaterin bei hallo.care. Sie führt häusliche und telefonische Beratungseinsätze nach § 37 Abs. 3 durch. Diese sind für Menschen ab Pflegegrad 2 verpflichtend, die zu Hause von ihren Angehörigen versorgt werden und Pflegegeld erhalten.
Etwa jede zehnte Beratung von Karoline betrifft Familien mit ADHS-Kindern. Anfangs war sie überrascht, dass diese häufig Pflegegrad 2 haben: „Auf den ersten Blick haben viele Kinder keine besonderen Auffälligkeiten.” Erst auf den zweiten Blick und intensiven Austausch mit den Angehörigen kristallisieren sich laut Karoline die Verhaltensauffälligkeiten heraus.
Wann erhalten Kinder mit ADHS einen Pflegegrad?
Tatsächlich erhält nicht jedes Kind mit ADHS einen Pflegegrad. Dazu kommt es in der Regel erst nach umfangreicher medizinischer Diagnostik und Prüfung durch den Medizinischen Dienst (MD).
Ein Pflegegrad wird vergeben, wenn ein Kind in mehreren Lebensbereichen dauerhaft Hilfe braucht – etwa bei Selbstständigkeit, Verhalten oder sozialer Interaktion. Entscheidend ist also nicht die Diagnose allein, sondern wie stark der Alltag des Kindes und seiner Familie tatsächlich beeinträchtigt ist. Einige Beispiele:
- starke Probleme mit Selbstorganisation (z. B. Anziehen, Hausaufgaben, Termine einhalten)
- Impulsivität und fehlende Gefahreneinschätzung (höherer Betreuungs- und Aufsichtsbedarf)
- Schwierigkeiten bei Alltagsroutinen wie Essen, Schlafen oder Hygiene
- emotionale Regulation (z. B. Wutausbrüche, schnelle Überforderung)
Wofür Eltern das Pflegegeld einsetzen können
Oft haben die Betroffenen weitere Entwicklungsstörungen wie Autismus oder Lernschwäche, weiß Pflegeberaterin Karoline. „Die Eltern versuchen, den Kindern mit vielfältigen Therapien zu helfen, die nicht immer von der Pflege- oder Krankenversicherung übernommen werden.“
Für solche Therapien kann etwa das Pflegegeld eingesetzt werden. Oder um Lohneinbußen wenigstens ein wenig auszugleichen. „Nicht selten reduzieren Eltern (meistens die Mütter) aufgrund des großen Betreuungsaufwandes ihre Erwerbsarbeit oder geben sie ganz auf“, so Karoline.
Besonders hoch ist auch die Belastung bei Familien mit mehreren Kindern: „Wenn ein Kind seine Geschwister ständig haut oder extrem viel Aufmerksamkeit benötigt, leiden die anderen auch.“ Eine Verhinderungspflege kann solche Situationen entschärfen: „Eine Ersatzpflegeperson kümmert sich um das Kind mit ADHS, damit die Eltern ungestört etwas mit den Geschwistern unternehmen können.“
Gut zu wissen
Um das volle Geld aus der Verhinderungspflege zu erhalten, sollte diese von Freunden, weit entfernten Verwandten oder professionellen Pflegediensten durchgeführt werden. Bei nahen Verwandten oder im gleichen Haushalt lebenden Personen ist die Zahlung begrenzt.
Haushaltshilfe und Hilfsmittel erleichtern den Alltag
Während es Pflegegeld oder Verhinderungspflege erst ab Pflegegrad 2 gibt, besteht der Entlastungsbetrag von 131 Euro pro Monat schon ab Pflegegrad 1. „Damit können sich die Eltern eine Alltagshilfe bezahlen, da der Haushalt ebenfalls oft auf der Strecke bleibt“, so Karoline.
Kinder mit ADHS erhalten von der Kranken- oder Pflegekasse auch häufig Geld für Hilfsmittel wie Noise-Cancelling-Kopfhörer, die bei der Konzentration helfen.
Hilfreich sind auch Apps zum Lernen oder für das Zeitmanagement. Dafür können die rund 50 Euro pro Monat für digitale Pflegeanwendungen eingesetzt werden, die die Pflegekasse ab Pflegegrad 1 zahlt.
Manche Familien profitieren auch von einer Reha, die primär von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) übernommen wird, oder von einer Eltern-Kind-Kur. Letztere zahlt die Krankenkasse. Hilfreich sind laut Karoline für die Betroffenen auch die Therapien in einem Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ), die vom Kinderarzt verordnet werden müssen.
Bei Tina wurde es leichter
Und noch etwas: Mit der Zeit kann der Alltag für die betroffenen Eltern leichter werden, wenn sie die richtige Unterstützung haben. So war es zumindest bei Tobias und Tina. Er braucht zwar immer noch viel Begleitung, doch er ist deutlich ruhiger geworden. „Wir sind gut eingespielt. Dabei helfen Strukturen und Abläufe.“
Nicht immer ist es für Tina leicht, diese Regeln einzuhalten. Denn mit ihrem Sohn hat auch sie eine ADHS-Diagnose erhalten: „Diese erklärt viele Schwierigkeiten, die ich bereits in meiner Kindheit hatte.“
Doch dadurch weiß sie auch, dass ihr Sohn sein Leben irgendwann alleine meistern wird: „Vielleicht muss er etwas mehr Umwege gehen und Hindernisse überwinden.“
Denn ihr Sohn hat auch viele Stärken wie Kreativität und Empathiefähigkeit. Und er ist intelligent. Seit Kurzem besucht er ein Gymnasium. Dank der Schulbegleitung kommt er dort zurecht. „Er hat endlich Freunde gefunden.“ In der Grundschule ist er oft angeeckt und von anderen Kindern abgelehnt worden: „Darunter leidet natürlich das Selbstbewusstsein.“
Pflegegrad bei ADHS: Die wichtigsten Fragen und Antworten
Was ist ADHS?
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Dabei handelt es sich um eine neurologische Störung, bei der Reize anders verarbeitet werden. Betroffene haben oft Probleme, sich zu konzentrieren, ruhig zu bleiben oder ihr Verhalten zu steuern. Schätzungsweise ist jedes zwanzigste Kind betroffen. Die Ausprägung dieser Spektrum-Störung ist jedoch sehr unterschiedlich. Manche Betroffene kommen im Alltag gut zurecht, während andere auf Unterstützung und Medikamente angewiesen sind.
Bekommen Kinder mit ADHS automatisch einen Pflegegrad?
Nein. Sie können aber einen bekommen, wenn sie im Alltag deutlich mehr Unterstützung brauchen als gleichaltrige Kinder und in mehreren Lebensbereichen dauerhaft Hilfe benötigen – etwa beim Verhalten, bei der sozialen Interaktion oder bei der Selbstständigkeit. Der Pflegegrad wird durch den Medizinischen Dienst (MD) festgestellt. Eine Diagnose alleine reicht nicht aus.
Welchen Pflegegrad bekommt man bei ADHS?
Pflegegrad 3 kommt eher selten vor. In der Regel erhalten Kinder mit ADHS Pflegegrad 1 oder 2.
Erhalten Kinder mit ADHS Pflegegeld?
Ab Pflegegrad 2 haben pflegebedürftige Kinder Anspruch auf Pflegegeld. Rechtlich gehört dieses ihnen, es wird aber den Eltern oder Vormündern ausgezahlt. Diese erhalten es stellvertretend, um damit Pflege, Betreuung und Lebensunterhalt des Kindes zu finanzieren. Monatlich sind dies 347 Euro bei Pflegegrad 2 und 599 Euro bei Pflegegrad 3.
Welche anderen Leistungen gibt es bei einem Pflegegrad?
Das hängt vom Pflegegrad ab. Ab Pflegegrad 1 gibt es einen Entlastungsbetrag von 131 Euro pro Monat, mit dem beispielsweise eine Haushaltshilfe finanziert werden kann. Ab Pflegegrad 2 erhalten Angehörige zusätzlich Leistungen für die Verhinderungspflege, die für Entlastung sorgen.
Was steht Kindern mit ADHS sonst noch zu?
Je nach Ausprägung stehen verschiedene Hilfen zur Verfügung, darunter therapeutische Maßnahmen, Hilfsmittel und medikamentöse Behandlungen. Ergänzend können Nachteilsausgleiche, eine Schulbegleitung oder ein anerkannter Grad der Behinderung gewährt werden.
Wie hoch ist der Grad der Behinderung bei ADHS?
Bei ADHS kann ein Grad der Behinderung (GdB) anerkannt werden, wenn die Symptome den Alltag deutlich beeinträchtigen. Entscheidend ist nicht die Diagnose selbst, sondern wie stark Konzentration, Selbstorganisation, Impulskontrolle und soziale Teilhabe eingeschränkt sind. Je nach Schweregrad sind Werte von etwa 20 bis über 50 möglich.