Die häufigsten Fehler von pflegenden Angehörigen – und wie man sie vermeidet

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Alles allein stemmen, Sturzrisiken unterschätzen oder Gelder nicht nutzen: Pflegende Angehörige leisten Enormes. Doch dabei können auch Fehler passieren, die im schlimmsten Fall zum Burnout führen. Unsere Pflegeexpertin Simone verrät, wie man diese vermeidet.

Das Wichtigste in Kürze

  • In diesem Artikel erklärt Pflegeberaterin Simone die neun häufigsten Fehler von pflegenden Angehörigen und Lösungsansätze.
  • Ganz wichtig: Stemme nicht alles alleine. Nutze Pflegeberatung, Entlastungsangebote und Leistungen der Pflegekasse – sie sind dafür da, Angehörige zu entlasten.
  • Veränderungen ernst nehmen: Spreche Auffälligkeiten frühzeitig an und hole dir bei Bedarf professionelle Unterstützung.
  • Eigene Grenzen kennen: Achte auf deine Gesundheit, teile Aufgaben auf und fördere die Selbstständigkeit deines Angehörigen.

1. Veränderungen nicht rechtzeitig ansprechen

Die Stolperfalle

Ein Pflegefall kann plötzlich eintreten. Häufiger beginnt er aber schleichend. „Die Angehörigen haben ein Bauchgefühl, ihnen fallen kleine Veränderungen auf“, erklärt Simone, Pflegeberaterin bei hallo.care.

Sie kennt das aus ihrer Familie. Ihre Mutter war immer gut angezogen, und plötzlich trug sie eine Woche lang die gleichen Hosen: „Sie vernachlässigte Dinge, die ihr stets wichtig waren. Wenig später erhielt sie die Diagnose vaskuläre Demenz.“

Der Lösungsansatz

Natürlich muss hinter solchen neuen Gewohnheiten nicht immer eine Krankheit stecken. Doch ein häufiger Fehler von pflegenden Angehörigen ist, dass sie Veränderungen nicht rechtzeitig ansprechen.

„Es ist wichtig, dabei behutsam vorzugehen“, so Simone. „Etwa, indem man die Mutter sanft darauf hinweist, dass sie heute schon dreimal das Gleiche erzählt hat.“

Simone Migels hallo.care
Pflegeberaterin Simone arbeitet schon seit Jahrzehnten im Gesundheitswesen.

2. Gut gemeinte Ratschläge, die schlecht ankommen

Die Stolperfalle

Bei einer Pflegesituation verändern sich die Rollen. Noch vor kurzer Zeit waren die Eltern selbstständig und plötzlich sind sie auf die Hilfe angewiesen.

„Viele Senioren möchten das aber nicht wahrhaben. Sie fühlen sich bevormundet und nehmen die gut gemeinten Ratschläge ihrer Kinder nicht an“, erzählt Simone, die schon seit Jahrzehnten im Gesundheitswesen arbeitet: „Nicht selten führt das zu Konflikten – auch unter den Kindern selbst, wenn diese sich uneinig über die Versorgung ihrer Eltern sind.“

Der Lösungsansatz

Um solche Streitereien zu vermeiden, empfiehlt Simone, frühzeitig Fachleute einzubeziehen – etwa einen Pflegeberater eines Pflegestützpunktes oder einer privaten Organisation wie hallo.care.

„Oft nehmen Senioren deren Ratschläge viel besser an.“ Bei einer Pflegeberatung kann zudem ein Versorgungsplan erstellt werden. Dieser legt etwa fest, welches Familienmitglied welche Aufgabe übernimmt und wann ein Pflegedienst engagiert werden soll.

3. Den Pflegeaufwand nicht festhalten

Die Stolperfalle

Da erledigen die Kinder für ihre Eltern den Wocheneinkauf, fahren sie zum Arzt und schreiben einen Brief fürs Amt. Ist das noch ganz normale Hilfe oder bereits Pflege?

„Viele Menschen erkennen gar nicht, dass sie pflegende Angehörige sind“, sagt Simone. Ganz selbstverständlich übernehmen sie immer mehr Aufgaben, die schnell zur Überlastung führen können.

Der Lösungsansatz

Simone empfiehlt, bei Unsicherheiten ein Pflegetagebuch zu führen. Dort schreiben Angehörige auf, was sie alles machen und wie viel Zeit dies in Anspruch nimmt. „Diese Verschriftlichung hilft, die Pflege besser aufzuteilen und Entlastungsmöglichkeiten zu finden.“

So kann etwa mit dem Entlastungsbetrag von 131 Euro pro Monat eine Alltagsbetreuerin organisiert werden, die etwa das Putzen oder Einkaufen übernimmt.


4. Auf Unterstützung und Pflegeberatung verzichten

Die Stolperfalle

Eine Pflegesituation alleine zu stemmen, ist ein gängiger Fehler von pflegenden Angehörigen. „Das kann schnell zu Überforderung und Konflikten führen“, sagt Simone. Deshalb finanziert die Pflegekasse Unterstützungs- und Entlastungsmaßnahmen, um eine Alltagshelferin oder eine Ersatzpflegeperson zu engagieren.

Auch ein Pflegedienst kann oft sinnvoll sein. „Leider kennen viele Betroffene ihre Ansprüche nicht, da die Leistungen der Pflegekasse unüberschaubar sind“, erzählt Simone. Ein weiteres Problem: Menschen nutzen oft die Gelder der Pflegekasse nicht, da sie das System nicht belasten möchten.

Der Lösungsansatz

Niemand sollte Hemmungen haben, die Leistungen anzunehmen, findet Simone: „Diese verbessern die häusliche Pflege und sorgen für mehr Lebensqualität.“

Damit man die Gelder aus der Pflegekasse optimal nutzt, empfiehlt Simone gleich von Anfang an, eine Pflegeberatung nach Paragraf 7a wahrzunehmen – diese ist auch ohne Pflegegrad kostenlos: „So erhält man einen Überblick und eine Fachperson hilft, die entsprechenden Anträge zu stellen.“ Ab Pflegegrad 2 sind halbjährliche Beratungseinsätze nach Paragraf 37.3 Pflicht, wenn man zu Hause von Privatpersonen betreut wird.


5. Die Beratungseinsätze nach Paragraf 37.3 zu vergessen

Die Stolperfalle

Diese verpflichtenden Beratungseinsätze nach Paragraf 37.3 gehen leider häufig vergessen, weiß Simone. Nicht verwunderlich, denn in der ganzen Informationsflut, die man von der Pflegekasse erhält, geht das schnell unter.

Doch Unwissen schützt vor Strafe nicht: Werden die Beratungen nicht wahrgenommen, kann das Pflegegeld gestrichen oder gekürzt werden.

Der Lösungsansatz

Pflegestützpunkte oder private Beratungsstellen wie hallo.care informieren am Anfang einer Pflegesituation über die Rechte und Pflichten. Deshalb sollte man auf diese Beratung nicht verzichten, damit nichts untergeht. Außerdem hilft es, nach einer 37.3-Beratung gleich den nächsten Termin zu vereinbaren. Bei hallo.care passiert das automatisch.

Übrigens: Die Beratungseinsätze sind nicht nur Pflicht, sondern auch sehr nützlich, so Simone: „Sie helfen, die häusliche Pflege zu verbessern, Angehörige zu entlasten und Veränderungen zu erkennen.“

6. Die eigenen Grenzen nicht erkennen

Die Stolperfalle

Neben Job, Kindern und Haushalt wird die betagte Mutter versorgt – Pausen gibt es kaum. Für viele pflegende Angehörige ist dies Alltag, der aber langfristig überfordern und krank machen kann.

Nicht selten kommt es zum Burnout. Schwierig wird es auch, wenn pflegende Angehörige Dinge übernehmen, die sie gar nicht möchten – etwa die Körperpflege oder das Verabreichen von Medikamenten.

Der Lösungsansatz

Angehörige sollten ihre Grenzen erkennen, um langfristig bei Kräften zu bleiben. Die Körperpflege oder das Verabreichen von Medikamenten kann etwa ein Pflegedienst übernehmen. Auch regelmäßige Auszeiten sind kein Luxus. Sie können etwa über die Verhinderungspflege organisiert werden.

Simone empfiehlt den Angehörigen auch, einen kostenlosen Pflegekurs zu besuchen: „Dieser vermittelt grundlegende Fähigkeiten wie rückenschonendes Heben oder Sicherheit im Pflegealltag. Zudem lernen die Teilnehmenden Techniken zur Stressbewältigung, um einer Überlastung vorzubeugen.“ Für viele Angehörige ist auch der Austausch in Selbsthilfegruppen entlastend.

Zwei Personen liegen im Liegestuhl. sie sind von Wasser und Palmen umgegeben.
Urlaub ist wichtig für pflegende Angehörige.

7. Die Wohnung nicht sicher zu gestalten und auf Hilfsmittel zu verzichten

Die Stolperfalle

In der Wohnung liegen Teppiche und Kabel, über die Senioren leicht stolpern. Auch in der Badewanne herrscht Sturzgefahr. Oder Senioren stürzen, weil sie sich weigern, trotz Unsicherheiten beim Gehen Hilfsmittel wie einen Rollator zu nutzen. „Leider sind die Folgen im Alter oft fatal“, sagt Pflegeberaterin Simone.

Der Lösungsansatz

Deshalb ist es wichtig, die Wohnung rechtzeitig altersgerecht und sturzsicher zu gestalten. Vieles davon übernimmt die Pflegeversicherung. Ab Pflegegrad 1 bezahlt sie 4.180 Euro pro wohnumfeldverbessernde Maßnahme.

„Damit lässt sich etwa die Badewanne in eine barrierefreie Dusche umbauen“, sagt Simone. Auch sollten Senioren auf Hilfsmittel nicht verzichten. Sie bedeuten nicht nur mehr Sicherheit, sondern auch mehr Freiheit. Zudem sollten Senioren immer ein Notrufgerät tragen, mit dem sie jederzeit Hilfe holen können.

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8. Zu viel übernehmen

Die Stolperfalle

Pflegende Angehörige können nicht nur zu wenig, sondern auch zu viel machen. Und zwar, indem sie alles für den Pflegebedürftigen übernehmen.

Die Folgen: Seine Eigenständigkeit reduziert sich zunehmend, er braucht immer mehr Hilfe. Auch entsteht das Gefühl der Bevormundung, was zu Antriebslosigkeit und Depressionen führen kann. Dadurch werden die Angehörigen noch mehr belastet.

Der Lösungsansatz

Menschen mit Einschränkungen sollten so viel wie möglich selber machen. Pflegende Angehörige sollten sich mehr auf ihre Ressourcen konzentrieren, also auf das, was sie noch können. Zwar brauchen alltägliche Handlungen dadurch mehr Zeit, aber Senioren bauen so weniger schnell körperlich und geistig ab.

Auch Hilfsmittel tragen zur Selbstständigkeit bei. Simone rät, dass Pflegebedürftige und ihre Angehörigen mehr ins Gespräch gehen sollten: „So kann man besprechen, wo Unterstützung nötig ist und wo nicht.“ Oft ist es auch hilfreich, zusammen einen Pflegekurs zu besuchen, um den Alltag gemeinsam zu gestalten.


9. Nicht frühzeitig über Pflege sprechen

Die Stolperfalle

Solange alle gesund sind, wird das Thema Pflege in vielen Familien verdrängt. Das ist verständlich, aber: Tritt die Pflegesituation ein, wissen die Angehörigen oft gar nicht, was sie tun sollen.

Denn nicht immer sind Pflegebedürftige in der Lage, ihre Bedürfnisse zu äußern. Für seine Eltern Entscheidungen zu fällen, kann sehr belastend sein und zu familiären Konflikten führen.

Der Lösungsansatz

Simone empfiehlt, sich frühzeitig mit dem Thema Pflege auseinanderzusetzen: „Kinder sollten etwa mit ihren Eltern über ihre Bedürfnisse sprechen, solange sie diese noch äußern können.“

Am besten halten sie diese in Versorgungsvollmachten, Betreuungs- oder Patientenverfügungen fest. Und zwar, solange sie noch geistig klar sind. „Sobald die Eltern dement sind, dürfen sie keine Vollmachten mehr ausstellen.“


Checkliste: Habe ich an alles gedacht?

Pflege bedeutet, an vieles gleichzeitig denken zu müssen. Mit dieser Checkliste kannst du nochmals überprüfen, ob du die wichtigsten Punkte im Blick hast – und erkennen, wo es sinnvoll ist, Unterstützung anzunehmen oder noch einmal genauer hinzuschauen.

✅ Ich spreche Veränderungen bei meinem Angehörigen frühzeitig an.
✅ Ich kenne die Leistungen der Pflegekasse und habe mich über meine Ansprüche informiert.
✅ Ich dokumentiere den Pflegeaufwand oder führe ein Pflegetagebuch.
✅ Ich nutze Entlastungsangebote wie Alltagshilfe, Pflegedienst oder Verhinderungspflege.
✅ Ich habe verpflichtende Beratungseinsätze (nach § 37.3 SGB XI) rechtzeitig eingeplant.
✅ Ich habe die Wohnung auf Stolperfallen überprüft und notwendige Hilfsmittel organisiert.
✅ Ich fördere die Selbstständigkeit meines Angehörigen, statt ihm alles abzunehmen.
✅ Ich habe mit meiner Familie über Wünsche, Zuständigkeiten und die Pflege gesprochen.
✅ Ich achte auf meine eigenen Grenzen und plane regelmäßig Zeit für mich ein.
✅ Ich hole mir bei Unsicherheiten professionelle Unterstützung.

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