Das Wichtigste in Kürze
- Wenn Eltern pflegebedürftig werden, kommt es oft zu einem schwierigen Rollentausch, bei dem Kinder zunehmend Verantwortung übernehmen müssen.
- Viele Betroffene lehnen Hilfe zunächst ab, was zu Konflikten führt – bis professionelle Unterstützung und Pflege unvermeidbar werden.
- Pflegeexpertinnen raten Angehörigen, sich abzugrenzen, Unterstützung früh zu organisieren und Beratungsangebote zu nutzen, um Überlastung zu vermeiden.
Der Rollentausch kommt selten mit einem großen Knall. Wie in Karins Familie passiert er häufig schleichend. Stück für Stück wurden ihre einst so starken Eltern gebrechlicher. „Doch sie wollten es nicht wahrhaben und alles allein schaffen. Das führte immer wieder zu Konflikten“, erinnert sie sich.
2021 erlitt ihr Vater einen leichten Schlaganfall. „Wir haben ihn dazu gebracht, seinen Führerschein vorübergehend abzugeben“, so Karin, die eigentlich anders heißt. Sie begann, für ihre Eltern die Wocheneinkäufe zu erledigen.
Dies akzeptierten sie zähneknirschend. Doch als Karin Hilfe von außen holen wollte, verweigerten sich ihre Eltern. „Meine Mutter wollte keine fremde Person in ihrem Haus haben.“
„Am Anfang war meine Mutter richtig garstig zur Alltagshelferin“
Irgendwann entschied Karin für sie. „Am Anfang war meine Mutter richtig garstig zur Alltagshelferin.“ Doch ihr Protest ebbte mit der Zeit ab, weil sie immer weniger allein bewältigen konnte.
Während ihre Mutter vor allem körperlich abbaute, verstärkten sich bei ihrem Vater die Demenzsymptome. Ein ambulanter Pflegedienst war nun regelmäßig bei ihnen im Einsatz, Karin reduzierte ihr Arbeitspensum. Jeden Freitag fuhr sie 100 Kilometer zu ihren Eltern, um für sie einzukaufen, ihnen im Haushalt zu helfen, sie zu Terminen zu begleiten und sie bei administrativen Angelegenheiten zu unterstützen. „Überhaupt gab es viel zu organisieren und Informationen einzuholen. Man muss an alles denken.“
„Plötzlich musst du für deine Eltern bestimmen“
Ein zeitlicher und finanzieller Aufwand, doch vor allem war es für Karin ein emotionaler Kraftakt. „Plötzlich musst du für deine Eltern bestimmen. Ihre Persönlichkeit verändert sich, und sie sind bedürftig wie kleine Kinder.“ Da brauche es viel Verständnis, was ihr am Anfang aufgrund des großen Drucks gar nicht so leichtgefallen sei: „Mit der Zeit blickte ich milder auf sie.“
An seine Geduldsgrenzen kam oft auch ihr Bruder, der den Eltern rund ums Haus half. Er vereinbarte mit seinem Vater, etwas für ihn zu reparieren. Doch bevor er am Wochenende dafür vorbeikam, hatte der betagte Mann es bereits selbst versucht. „Dabei brachte sich mein Vater oft in Gefahr, da er zu solchen Reparaturen nicht mehr in der Lage war.“
Schwierig sei es für die Eltern auch gewesen, sich bei der Körperpflege helfen zu lassen, so Karin: „Diese Generation pflegte ja nie viel körperliche Nähe. Noch heute zuckt mein Vater zusammen, wenn er geduscht wird.“
„Wir wussten nur, dass sie nicht in ein Pflegeheim wollten“
Gerne hätte Karin im Vorfeld gewusst, was sich ihre Eltern in einer Pflegesituation wünschen. „Doch solche Gespräche blockten sie stets ab. Sie sagten nur, dass sie nicht in ein Betreutes Wohnen oder Pflegeheim möchten.“
Das Pflegeheim blieb jedoch nur ihrer Mutter erspart, die vor einiger Zeit verstarb. Bei ihrem Vater war dieser Schritt unumgänglich. „Er lief aufgrund seiner Demenz ständig weg – vor allem nachts.“ Mittlerweile komme der 91-Jährige gut im Pflegeheim zurecht. Zweimal wöchentlich besucht Karin ihn. Sie ist froh, dass es in ihrer Nähe ist: „Die weiten Fahrten zu meinen Eltern waren sehr anstrengend.“
Angehörige müssen sich abgrenzen und nicht alles allein stemmen
„Karin hat alles richtig gemacht“, sagt Simone, Pflegeberaterin bei hallo.care. Sie arbeitet seit Jahrzehnten im Gesundheitswesen und weiß, wie schwierig solche Situationen für Familien sind. „Die betagten Eltern wollen nicht wahrhaben, dass sie Hilfe brauchen. Sie reagieren ungehalten, wenn ihre erwachsenen Kinder ihnen etwas Gutes tun wollen.“
Trotzdem sollten Kinder sich emotional abgrenzen, und manchmal müssen sie auch unpopuläre Entscheidungen treffen – etwa indem sie gegen den Willen ihrer Eltern Unterstützung organisieren. „Sonst besteht die Gefahr, dass die Angehörigen ausbrennen.“ Wichtig sei auch, sich über die Belastung mit dem Partner oder in einer Selbsthilfegruppe auszutauschen. „Oft bringen einen andere Betroffene auf neue Ideen.“
Auch Wissen schützt vor Überlastung. Dieses wird in kostenlosen Pflegeberatungen vermittelt. Dort erfahren die Angehörigen laut Simone etwa, welche Leistungen die Pflegekasse zahlt und wie man die Gelder optimal nutzt: „Niemand sollte in einer Pflegesituation alles allein stemmen.“