Das Wichtigste auf einen Blick
- Gerhard lebt seit mehreren Jahren mit einer Demenzerkrankung. Nach dem plötzlichen Tod seiner Frau musste kurzfristig eine neue Wohnlösung gefunden werden.
- Zunächst lebte er in Demenz-WGs, fühlte sich dort jedoch nicht gut aufgehoben. Inzwischen hat Stefan Kraus einen Platz in einem Pflegeheim gefunden, in dem Gerhard gut versorgt ist.
- Die Beziehung der beiden hat sich vertieft: „Wir sind echte Weggefährten geworden und genießen viele gemeinsame Momente.“
Das letzte Telefonat mit Stefans Mutter war kurz und beunruhigend.
„Ich habe Schmerzen in der Brust – meinst du, ich sollte einen Arzt rufen?“, fragte die 82-Jährige ihren Sohn. Stefan drängte sie, sofort den Notruf zu wählen. Sie zögerte, stimmte schließlich zu. Als Stefan bei ihr ankam, war es bereits zu spät – ihr Herz hatte aufgehört zu schlagen.
„Ihr Tod kam völlig unerwartet und hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen“, erzählt Stefan heute, fast fünf Jahre später. Doch Zeit zum Innehalten blieb kaum. Denn da war noch sein Stiefvater Gerhard, der mit Stefans Mutter zusammengelebt hatte und aufgrund seiner vaskulären Demenz schon länger Unterstützung brauchte. „Er war zeitweise sehr unruhig und auch aggressiv. Meine Mutter war damit zunehmend überfordert.“ Die soziale Isolation während der Corona-Pandemie verschärfte die Situation zusätzlich.
„In der Demenz-WG hatte ich Angst um Gerhards Wohlbefinden“
Schnell wurde klar, dass Gerhard nicht allein in der gemeinsamen Wohnung bleiben konnte. Über Bekannte hörte Stefan von einer Demenz-Wohngemeinschaft. Nur wenige Tage nach dem Tod seiner Frau zog Gerhard dort ein. Rückblickend sagt Stefan: „Wir hätten uns mehr Zeit nehmen müssen, um die richtige Lösung zu finden.“
Das Konzept überzeugte zunächst: Menschen mit Demenz leben gemeinsam und erhalten ambulante Unterstützung. In der Realität sah es jedoch anders aus. „Die Betreuung war unzureichend, vieles lief nicht zuverlässig“, berichtet Stefan. Gerhards gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich.
Ein Wechsel in eine andere WG brachte nur vorübergehend Entlastung. Nach einem Leitungswechsel traten erneut Probleme auf. „Ich machte mir wieder große Sorgen“, sagt Stefan. Hinzu kamen Unstimmigkeiten mit der Verwaltung, etwa fehlerhafte Abrechnungen. Als Controller bemerkte er schnell, dass Leistungen berechnet wurden, die gar nicht erfolgt waren.
„Der Schritt ins Pflegeheim war genau richtig“
Innerhalb von drei Jahren zog Gerhard schließlich zum dritten Mal um – diesmal in ein Pflegeheim in Berlin-Spandau. Stefan hoffte, nun endlich einen Ort gefunden zu haben, an dem sein Stiefvater gut aufgehoben ist. Nach über einem Jahr fällt sein Urteil klar aus: „Es war die richtige Entscheidung. Gerhard fühlt sich wohl, ist körperlich stabiler und hat sogar wieder zugenommen.“
Ein großer Vorteil: die räumliche Nähe. Stefan besucht ihn fast jeden Tag. „Wir gehen ein Stück spazieren, trinken zusammen Kaffee oder sitzen einfach beieinander.“ Oft hilft er auch bei alltäglichen Dingen wie Rasieren oder Fußpflege. „Für Menschen mit Demenz können Berührungen schwierig sein. Umso wichtiger ist Vertrauen.“
Gemeinsame Erlebnisse auf Instagram
Stefan hält viele dieser Momente fotografisch fest und teilt sie auf Instagram unter dem Account @demenz_wg. „Ursprünglich wollte ich Freunden und Familie zeigen, wie es Gerhard geht“, erklärt er. Schnell wurde ihm klar, wie wenig Wissen über Demenz vorhanden ist. „Viele denken sofort an ein negatives, klischeehaftes Bild.“ Dabei könnten Betroffene durchaus Lebensfreude erleben und aktiv bleiben. „Der Account soll auch aufklären und Mut machen.“
Auch für Stefan selbst war die Zeit lehrreich. „Ich habe gelernt, den Menschen so anzunehmen, wie er gerade ist.“ Vielleicht falle ihm das leichter, weil er erst als Erwachsener Teil von Gerhards Leben wurde – Stefan war bereits über 20, als Gerhard seine Mutter heiratete.
„Humor macht vieles leichter“
Vor der Erkrankung war das Verhältnis der beiden eher distanziert. Eine Pflicht, sich zu kümmern, habe Stefan nie empfunden. „Ich mache das, weil ich es gern tue. Wir lachen viel zusammen, und diese Momente sind unbezahlbar.“ Trotz aller Herausforderungen helfe Humor, den Alltag zu bewältigen.
Gerhard weiß inzwischen nicht mehr, dass Stefan sein Stiefsohn ist. „Aber er fühlt sich bei mir sicher und vertraut mir.“ In den vergangenen Jahren ist eine enge Verbindung entstanden. „Diese Nähe gibt ihm Halt und Lebensfreude. Denn auch mit Demenz ist ein gutes Leben möglich – wenn die Umgebung stimmt.“