Das Wichtigste in Kürze
- Große Herausforderung: Millionen Erwerbstätige in Deutschland pflegen Angehörige. Fehlzeiten, Überlastung und Jobaufgaben sind keine Seltenheit.
- Unternehmerische Verantwortung: Torsten Eckel setzt in seinem Betrieb gezielt auf Lösungen, um Pflege und Beruf vereinbar zu machen.
- Tabuthema Pflege: Offenheit entlastet Mitarbeitende – besonders, weil viele Betroffene unter Schuldgefühlen stehen.
Eine typische Situation: Der Vater wird pflegebedürftig, die Tochter organisiert Versorgung und besucht ihn mehrmals pro Woche. Pendelzeit, Schlafmangel, emotionale Belastung – und im Job versucht sie trotzdem zu funktionieren. Notfälle werden mit Krankmeldungen abgefangen, Urlaubstage sind schnell verbraucht.
So sieht der Alltag vieler pflegender Angehöriger aus. In Deutschland sind dies Millionen Menschen, die neben der Sorgearbeit auch noch einer Erwerbsarbeit nachgehen.
„Und trotzdem haben viele Arbeitgeber das Thema Pflege nicht wirklich auf dem Schirm“, sagt Torsten Eckel. Der kaufmännische Vorstand der Wohnungsbaugenossenschaft Solidarität eG ist für 36 Mitarbeitende zuständig. Dass einige von ihnen regelmäßig Angehörige pflegen, sei ihm lange nicht bewusst gewesen. „Man setzt sich damit oft erst auseinander, wenn man selbst betroffen ist.“
Vom Workshop zur Chefsache
Doch 2021 bot Eckel seinen Mitarbeitenden einen Online-Workshop zum Thema Pflege an – mitten in der Corona-Pandemie. Dass rund ein Drittel der Belegschaft teilnahm, überraschte ihn. „Da wurde mir klar, wie relevant das Thema für unser Unternehmen ist.“ Kurz darauf erklärte er Pflege und Beruf zur Chefsache.
Sein Ziel: Mitarbeitende sollen ihre Arbeit nicht aufgeben müssen, weil sie privat Verantwortung übernehmen. „Fachkräfte zu halten heißt auch, sie gesundheitlich und mental zu schützen.“ Die Belastung sei nicht nur zeitlich, sondern auch emotional enorm – oft begleitet von finanziellen Sorgen. „Pflege ist teuer. Der monatliche Eigenanteil im Pflegeheim liegt im Schnitt bei über 3.000 Euro.“
Plötzlich selbst betroffen
Nur wenige Monate später traf es ihn persönlich. Seine Mutter erkrankte an Demenz, ihr Zustand verschlechterte sich schnell. „Ich war völlig überfordert. Die Organisation ist komplex, die Bürokratie enorm – ich wusste anfangs nicht, wo ich anfangen sollte.“ Entscheidend war für ihn eine professionelle Pflegeberatung, die ihm Orientierung gab und half, die richtigen Schritte einzuleiten.
Er holte seine Mutter nach Berlin und fand einen passenden Pflegeheimplatz. „Sie fühlte sich dort wohl, und ich konnte regelmäßig bei ihr sein.“ Nach ihrem Tod ist er überzeugt: „Ich würde wieder so handeln – aber ohne gute Informationen und Unterstützung ist das kaum zu schaffen.“
Was Pflege und Beruf vereinbar macht
In seinem Unternehmen setzt Eckel deshalb auf Offenheit und konkrete Unterstützung. In Mitarbeitergesprächen fragt er aktiv nach Pflegesituationen. „Viele sprechen das von sich aus nicht an.“ Aktuell betreuen vier von 36 Mitarbeitenden Angehörige – mehr als zehn Prozent der Belegschaft.
Gemeinsam sucht man nach Lösungen: Homeoffice, flexible Arbeitszeiten, Vier-Tage-Woche oder klare Vertretungsregelungen. Zudem informiert Eckel über Beratungsstellen und Weiterbildungsangebote. Solche Maßnahmen, ist er überzeugt, nehmen Druck. „Viele Betroffene haben Schuldgefühle – vielleicht auch, weil Pflege und Beruf noch immer tabuisiert sind.“ Dabei sei klar: „Es kann jeden treffen.“